Woran erkennt man eine Traumafolgestörung?

Viele Kinder und Jugendliche weisen unmittelbar nach einem traumatischen Erlebnis akute Belastungsreaktionen auf. Dabei handelt es sich grundsätzlich um eine «normale Reaktion auf unnormale Ereignisse».

Die Beschwerden dauern Stunden bis Tage, in seltenen Fällen Wochen und gehen häufig von selbst zurück. Halten die Symptome länger als vier Wochen an oder verstärken sich sogar, spricht man von einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).

Bei den (jungen) Geflüchteten können die Symptome einer PTBS allerdings auch erst mit einer zeitlicher Verzögerung eintreten – dann, wenn sich die unmittelbare Unterbringungs- und Versorgungssituation stabilisiert hat bzw. wenn die Grundbedürfnisse der Kinder und Jugendlichen gestillt sind und erste Erfahrungen von Sicherheit gemacht werden konnten. Während der Flucht und in den ersten Wochen des Ankommens hingegen können Ängste oder Verunsicherungen kaum gezeigt werden.

Eine Posttraumatische Belastungsstörung kann viele Gesichter haben, aber sie beeinflusst eine Person immer in ihrer Ganzheit. Sie betrifft ihr Denken, ihr Fühlen, ihren Körper, ihr Verhalten, die Fremd- und die Selbstwahrnehmung.

Die drei Hauptsymptombereiche einer PTBS sind:

  1. Vermeidung (Konstriktion)
  2. erhöhte angstbedingte Erregung und Wachsamkeit (Hyperarousal)
  3. Wiedererleben (Intrusionen)

Vermeidung

Erinnerungen an das traumatische Erlebnis und die damit verbundenen Gefühle sind für die betroffenen Kinder und Jugendlichen sehr belastend. Um nicht mehr damit konfrontiert zu werden, versuchen sie ganz bewusst, Situationen, Orte, Menschen, Aktivitäten, Gespräche und/oder Gedanken zu vermeiden, die unerwünschte Erinnerungen an das Erlebte wachrufen könnten. Durch das ständige Vermeiden und Verdrängen verhindert man die Auseinandersetzung mit den schlimmen Erlebnissen – dadurch können traumatisierende Erfahrungen nicht bearbeitet und bewältigt werden. Die stete Kontrolle, alles Ängstigende zu vermeiden, kostet Kraft und Energie, die dann nicht für andere Lebensbereiche zur Verfügung steht.

Das Erleben von Entmenschlichung, von Entwürdigung oder beliebiger Gewalt kann das Selbstwertgefühl zerstören. Wer zum Objekt geworden ist, beginnt an sich und an den Mitmenschen zu zweifeln. Sie fühlen sich fremd. Eine Folge kann sein, dass sich Betroffenen zurückziehen, sich abkapseln, teilnahmslos werden. Oft beinhaltet die Vermeidung also den Rückzug der Kinder und Jugendlichen aus ihrem Alltag, von den Spielkameraden und Freunden, sogar aus der Familie.

Neben der bewussten Vermeidung von traumabezogenen Situationen gibt es auch unbewusste Vermeidungsstrategien. Gedächtnisstörungen und Vergesslichkeit sind bei Kindern und Jugendlichen, die an einer PTBS leiden, deshalb eher die Regel als die Ausnahme. Das Gehirn kann aber nicht nur Erinnerungen, sondern auch belastende Gefühle bisweilen ausblenden. Deswegen nehmen sich Betroffene selbst häufig als betäubt, fremd und wie durch einen Nebel wahr.

Die Vermeidungssymptomatik kann sich bei Kindern und Jugendlichen schliesslich auch in nicht altersgerechtem Verhalten manifestieren bzw. im Verlust schon erworbener Fähigkeiten (Regression), in dysreguliertem Essverhalten, nicht angepasster Kleidung (zu warm/zu kalt), in andauernden negativen Erwartungen und Vorstellungen über sich, andere Menschen und die Welt oder in Sinnkrisen und Schulverweigerung.

Alle diese veränderten Empfindungen machen Angst. Manchmal versuchen Betroffene deshalb, diesen Zustand zu beenden, indem sie sich selbst entweder Schmerzen zufügen oder (im Falle der Jugendlichen) mit Suchtmitteln zu heilen versuchen. Auch Suizidgedanken und depressive Störungen können in eine Folge davon sein. So war laut Studien rund ein Drittel der traumatisierten jugendlichen Geflüchtete schon einmal suizidal.

Erhöhte angstbedingte Erregung

Traumatisierte junge Geflüchtete sind in ständiger Alarmbereitschaft. Bedrohungen und Gefahren sollen möglichst früh erkannt werden, um einer erneuten traumatischen Erfahrung zu entkommen.

Die betroffenen Kinder und Jugendlichen verhalten sich deshalb vorsichtig und beobachten aufmerksam ihre Umwelt, um eine mögliche Gefahr sofort erkennen oder Erinnerungsreize vermeiden zu können. Angst ist ihr ständiger Begleiter. Diese Angst ist jedoch diffus, d.h. das Kind kann manchmal nicht benennen, wovor es sich genau fürchtet. Die Angst hat sich verselbstständigt und dauerhaft eingenistet, z.B. in Form von nächtlichen Angstzustände und Alpträumen, von Einschlaf- und/oder Durchschlafstörungen, von Phobien, die früher nicht bestanden, oder grosser Trennungsängste. Eine Entwarnung und die damit einhergehende Entspannung sind kaum möglich. Hier liegt der Ursprung ihrer Übererregbarkeit und Überempfindlichkeit (z.B. gegenüber Lärm oder anderen Sinnesreizen), der diffusen inneren Unruhe, der körperlichen Hyperaktivität (nicht zu verwechseln mit ADHS) und/oder einer übertriebenen Schreckhaftigkeit bzw. Nervosität.

Durch die konstant erhöhte Alarmbereitschaft sind traumatisierte junge Geflüchtete schnell abgelenkt und haben entsprechend eine deutliche verminderte Aufmerksamkeit und häufig Probleme mit der Konzentrations- und Merkfähigkeit. Das wiederum hat Auswirkungen auf das Lernen und die schulischen Leistungen.

Auch können traumatisierte Kinder und Jugendliche ihre intensiven Gefühle oftmals schlecht oder gar nicht regulieren. Als Ausweg aus der Anspannung wird manchmal aggressives, rücksichtsloses, kontrollierendes, oppositionelles und/oder gewalttätiges Verhalten – gegen andere oder auch gegen sich selbst – gezeigt.

Schliesslich folgen für die betroffenen Kinder und Jugendlichen auf diese fortdauernden Belastungen nach einer gewissen Zeit die körperliche und seelische Erschöpfung. Oft leiden sie auch an anderen körperlichen Beschwerden, z.B. Kopf-, Bauch- oder Magenschmerzen, erhöhte Infektanfälligkeit).

Widererleben

Durch die Arbeitsweise des Gehirns bei traumatischem Stress wird das Erlebte nicht als Vergangenheit abgespeichert. Die Sinneseindrücke, die mit dem traumatischen Ereignis verbunden waren, kreisen als lose Fragmente im Gehirn und können durch Bilder, taktile oder akustische Reize und/oder Gerüche reaktiviert werden.

Diese Erinnerungsreize wirken als Auslöser (Trigger), die die traumatisierende Situation wieder hervorrufen. Es kommt zu nicht kontrollierbaren, sich aufdrängenden Erinnerungen und Bildern aus der Vergangenheit, die sich vor die Realität der Gegenwart schieben. Die Betroffenen erleben die traumatische Situation im Hier und Jetzt. In solchen Flashbacks sind die Überlebenden also direkt wieder mit ihren traumatischen Erlebnissen aus der Vergangenheit konfrontiert. Sie handeln und fühlen, als ob sie die Situation sich wiederholt. Sie verlieren dabei den Kontakt zur Gegenwart und rutschen «mit ihrer ganzen Wahrnehmung aus der gegenwärtigen Realität mitten in die unverarbeitete Traumablase hinein». Dies ist für die jungen Geflüchteten eine massive Belastung.

Auch nachts lassen die Erinnerungen die Betroffenen nicht zur Ruhe kommen. So leiden viele der traumatisierten Kinder und Jugendlichen unter wiederkehrenden Albträumen und fürchten sich deshalb vor der Schlafenszeit.

Bei kleineren Kindern äussert sich das Wiedererleben häufig auch darin, dass sie Themen oder Aspekte der traumatischen Erlebnisse immer wieder nachspielen, malen oder auf eine andere Art re-inszenieren.

 «Es ist wichtig, Jugendliche darüber aufzuklären, dass Schlaf- und Konzentrationsschwierigkeiten auch mit Belastungen durch die Flucht und das Erlebte zusammenhängen und nicht ein Zeichen sind, dass sie verrückt sind oder es demnächst werden.»

Psychotherapeut traumatisierte Kinder und Jugendliche