Wie entsteht ein Trauma?

Kampf und Flucht

Der menschliche Körper will sein Überleben sichern. In einer existentiell bedrohlichen Situation bedient er sich blitzschnell und ohne das bewusste Zutun eines archaischen Notfallprogramms, um die jeweilige Gefahr zu meistern. Dabei wird das Grosshirn aus- und das Stamm- bzw. «Reptilien»-Hirn eingeschaltet. Das Stammhirn ist der entwicklungsbiologisch älteste Teil des menschlichen Gehirns und hat ein beschränktes Repertoire an Reaktionsmöglichkeiten zur Verfügung: nämlich Flucht oder Kampf.

Das Stammhirn setzt in einer bedrohlichen Situation sogenannte Stressbotenstoffe frei, um die gesamte Konzentration und Energie des Körpers auf die Bewältigung der Gefahr auszurichten.

Erstarren

Auch heute reagiert unser Körper reflexartig mit dem alten Notfallprogramm auf physischen und/oder psychischen Stress. Die lebensbedrohlichen Situationen auf einer Flucht lassen sich jedoch in der Regel und nicht dauerhaft damit nicht bewältigen:

Die Meereswellen, die um das völlig überfüllte Schlauchboot branden, können nicht abgewehrt werden bzw. es ist ihnen nicht zu entkommen, ebenso wenig wie Schüssen oder Bomben. In diesen Situationen ohne wirkliche Kampf- oder Fluchtmöglichkeiten reagiert der Körper häufig mit einer dritten archaischen Reaktionsform: der Erstarrung, in der alle Reaktionen und alle Empfindungen eingefroren werden. Dieses sogenannte Totstellen kann auch bei Tieren beobachtet werden.

Dissoziation und Fragmentierung

Erstarrt der Körper während einer traumatischen Situation, kann es auch zu Dissoziationen kommen. Diese Form der Wahrnehmungsveränderung ist eine Möglichkeit für einen bedrohten Menschen, den traumatischen Stress auszuhalten, indem er sich innerlich von der Bedrohung distanziert – als würde er ausser- oder oberhalb des Geschehens sein.

Dadurch verändert sich allerdings auch die Informationsverarbeitung. Während einer traumatischen Situation verarbeitet das Gehirn sämtliche Sinneseindrücke, die zu diesem Zeitpunkt wahrgenommen werden, als lebensgefährlich.

Die Arbeitsweise des Gehirns unter traumatischem Stress führt dazu, dass die etikettierten Erfahrungen schlecht in das Gesamt der Lebenserfahrungen eingeordnet werden können. Werden im Normalfall alle Sinneswahrnehmungen einer Situation (Bilder, Geräusche, Gerüche, taktile Erfahrungen etc.) und Emotionen zu einem vollständigen Ganzen zusammenfügt und im Grosshirn als vergangenes Ereignis abgelegt, funktioniert diese Abspeicherung während einer Dissoziation nicht mehr.

Statt einer geordneten Abspeicherung kommt es zu einer Fragmentierung der Erinnerungen, d.h. zu zusammenhangslosen Gedankensplittern und Erinnerungsfetzen, die vereinzelt und bruchstückhaft gespeichert werden, ähnlich einem zerbrochenen Spiegel. Die Erinnerungsfragmente können deshalb meist nicht in logischer oder zeitlich chronologischer Abfolge abgerufen und wiedergegeben werden.

Übererregung

Wenn ein Mensch die Energie, die er eigentlich zur Bewältigung einer bedrohlichen Situation für den Kampf oder die Flucht aktiviert hat, nicht einsetzen kann, sondern stattdessen einzig durch ein Erstarren überleben kann so bleibt diese Energie im Körper eingekapselt. Das führt zu einem dauerhaft erhöhten Stresslevel und einer konstanten Alarmbereitschaft.

Das Gehirn antwortet als Folge bei Reizen, die es aufgrund einer Ähnlichkeit mit der erlebten Gefahrensituation als bedrohlich einstuft, mit einer Alarm- bzw. Stressreaktion. So werden Sinneswahrnehmungen der Gegenwart als belastend und gefährlich eingestuft, was die betroffenen Menschen dazu veranlasst, sich so zu verhalten, als wäre ihr Leben (wieder) akut in Gefahr – was für Aussenstehende dann oft nicht nachvollziehbar und verständlich ist.  

Ein Reiz, der eine bestimmte Reaktion automatisch hervorruft, bezeichnet man als Trigger («Auslöser»).

«Bei der ersten Begegnung wollen alle wissen: „Woher kommst du, weshalb bist du hier, was hast du erlebt auf der Flucht?». Wir wollen aber nicht ständig über die Flucht und die Vergangenheit sprechen. Wir wollen unseren Platz in der Gegenwart finden.“

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