Traumatische Erfahrungen junger Geflüchteter

Wie viele junge Geflüchtete sind betroffen?

Rund die Hälfte aller Geflüchteten weltweit sind laut UNHCR Kinder unter 18 Jahren. Ihr Anteil an der Gesamtzahl der geflüchteten Menschen verdoppelte sich im Laufe der letzten zehn Jahre und lag 2016 bei rund elf Millionen.

Immer grösser wird auch der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die ohne Begleitung erwachsener Bezugspersonen auf der Flucht sind. So hat UNICEF 2016 über 300'000 unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA) in 80 Ländern registriert. In der Schweiz reichten die UMA 2016 sieben Prozent aller Asylgesuche ein.

Studien aus Deutschland zeigen, dass rund die Hälfte der dort lebenden Flüchtlingskinder unter den Folgen der traumatischen Erfahrungen aus dem Heimatland und von der Flucht und Migration leiden. Rund 40 Prozent sind in zentralen Lebensbereichen beeinträchtigt (z.B. schulisches Lernen und zwischenmenschliche Beziehungen). Jedes fünfte Flüchtlingskind erfüllt sogar das Vollbild einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Die Prävalenzrate einer PTBS ist damit 15 Mal höher als in der Allgemeinbevölkerung.

Weshalb flüchten Kinder und Jugendliche aus ihren Herkunftsländern?

Wie die Erwachsenen flüchten auch Kinder und Jugendliche vor Krieg, bewaffneten Konflikten, vor Gewalt und Zerstörung, vor politischer, ethnischer, rassistischer oder religiöser Verfolgung oder vor Repressionen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung.

Kinder und Jugendliche sind aufgrund ihres jungen Alters und ihrer Schutzlosigkeit in der Regel weiteren zusätzlichen Risiken ausgesetzt und flüchten oft aufgrund altersspezifischer Ereignisse:

  • Verlust der Eltern (z.B. durch Verschleppung),
  • Zwangsrekrutierungen (Kindersoldaten, terroristische Gruppierungen),
  • körperverletzenden Praktiken (z.B. weibliche Genitalverstümmelung) und Gewalt,
  • Zwangs- oder Frühverheiratung,
  • ökonomischer oder sexueller Ausbeutung (Kinderarbeit, Kinderhandel),
  • Perspektivenlosigkeit in der Heimat.

Was erleben Kinder und Jugendliche auf der Flucht?

Flüchtende Kinder und Jugendliche lassen oft die Familie, Freunde und ihr ganzes vertrautes Umfeld zurück. Sie nehmen eine Flucht auf sich, die mit weiteren lebensbedrohlichen Erfahrungen einhergeht, mit hohem finanziellen Aufwendungen verbunden ist und deren Ausgang bis zuletzt unsicher bleibt.

Zu den Belastungen und den Schrecken während der Migration gehören

  • schwierige Fluchtverläufe unter Lebensgefahr (Kälte, Hitze, Reise durch die Wüste oder über Meere, Hunger und Durst, schwierige hygienische Bedingungen und Krankheiten),
  • Erniedrigungen und Beschämung, Gewalt, finanzielle und/oder sexuelle Ausbeutung unterwegs, an den Grenzen oder in den Flüchtlingslagern (durch Schlepper, Grenzbeamte, männliche Flüchtlinge etc.),
  • Zeugenschaft beim Tod anderer Menschen,
  • Haft usw.

Bei Kindern und Jugendlichen, die alleine auf der Flucht sind, potenziert sich das Risiko, Opfer von Menschenrechtsverletzungen zu werden: als Kinder und als Flüchtlinge. Minderjährige Geflüchtete gehen unterwegs überdurchschnittlich oft verloren bzw. werden vermisst, u.a., weil sie Opfer von Menschenhändlern und Kriminellen werden.

Was erleben Kinder und Jugendliche im Aufnahmeland Schweiz?

Auch im Aufnahmeland bleiben die Lebensumstände vielfach prekär und ungewiss. Die unsichere rechtliche Situation während des oft lange andauernden Asylverfahrens und das dadurch bedingte Leben in der Warteschleife erschweren eine konkrete Zukunftsplanung.

Vieles ist ungewohnt und fremd: das Aussehen der Menschen, die Sprache, die Schrift sowie Normen und Werte. Zum Leben in diesem Ausnahmezustand gesellen sich auch Sorgen um den Verbleib der im Heimatland zurückgebliebenen Angehörigen.

Oft belasten finanzielle Schulden die jungen Geflüchteten. Sie fühlen sich verpflichtet, die Familie im Heimatland materiell zu versorgen, weil diese ihretwegen ihr Hab und Gut verkauft hat oder aber von Schleppern bedroht wird. Die Kinder und Jugendlichen sind somit häufig mit Schuld- und Schamgefühlen konfrontiert, weil sie andere Familienmitglieder zurückgelassen haben und diese nicht wie erhofft unterstützen können.

Junge Geflüchtete befinden sich in einer emotional vielschichtig herausfordernden Umbruchsituation, wobei vieles sie in die Vergangenheit zieht. Die belastenden Erfahrungen der Vergangenheit und der Gegenwart und die Angst vor der Zukunft lassen sie nur schwer zur Ruhe kommen.

Junge Geflüchtete wissen oft nicht, welche Ausbildungen es gibt. Flüchtlinge, die schon länger hier leben, könnten vermehrt als Informationsvermittler eingesetzt werden.

Syrischer Flüchtling. Engagiert sich für junge Geflüchtete